Ein besonderer Tag in Israel – Besuch des Sapir College in Sha`ar Hanegev

Das Tor zur Wüste Negev, so die bildliche Übersetzung der Orts- und Regionsbezeichnung Sha`ar Hanegev, die Dr. Rainer Balzer während seines letzten Israel-Besuches bereiste.

Ein wunderschöner Tag, sonnig und klar, der erste Eindruck wird geprägt von einer freundlichen Begrüßung durch Frau Hanna Tal, begleitet vom Winken vieler Schülerinnen und Schülern. Eine angenehme Atmosphäre und interessante, zum Teil sehr neue Bauten mit auffallend gestalteten Dächern. Alles wirkt sehr modern. Ein mehrere Hektar großes Areal mit Gesamtschule als Primarschule von der 1. bis zur 6. Klasse, der Mittelschule bis zur 9. Klasse und einer High School mit der Oberstufe bis 18 Jahren. Es kann zwischen verschiedenen Niveaustufen gewählt werden. Dazu gehört ein Technical College – eine Hochschule, die Abschlüsse vermittelt, die im weitesten Sinne der Fachhochschule oder dem Bachelor-Abschluss an einer deutschen Hochschule entsprechen.

Alles sehr großräumig, weitläufig und freundlich.

Und plötzlich eine Sirene, Alarmstufe rot.

Ungläubig und gemächlich wie bei einem Feuerwehr-alarm in Deutschland begeben wir uns zum Ausgang. Erst der Hinweis von Hanna und anderen Lehrkräften macht uns Beine, es ist ein richtiger Alarm und wir müssen in 15 Sekunden im Bunker in Deckung sein. 15 Sekunden lang ist die Flugzeit der Katjuschas oder Kassam-Raketen aus dem Gazastreifen nach Sapir College in Sha`ar Hanegev.

Die auf Zivilisten und Schüler abgefeuerte Kassam-Rakete ist sinnigerweise nach dem Scheich Izz ad-Din al-Qassam, einem islamischen Geistlichen, benannt.

Tatsächlich sehen wir überall junge Menschen, Kinder und Jugendliche in ziemlich zügiger Gangart mit oder ohne Gepäck zu den Omnibussen oder in die Unterstände eilen. Für uns Besucher aus Deutschland eine komplett neue Erfahrung, ein irritierendes Erlebnis. Und jetzt versteht man, warum die Gruppe der Sozialarbeiter hauptsächlich mit der Behandlung traumatisierter Kinder und Jugendlicher zu tun hat. Der Schulleiter Aharale Rothstein erläutert uns in Folge der Ereignisse, was als erstes in der Schule zu tun ist. Die ersten Unterrichtsstunden und Tage zu Schuljahresbeginn sind geprägt von den Fragen der Jugendlichen nach dem Warum: Warum sind wir hier? Warum fahren wir nicht woanders hin? Warum ziehen meine Eltern nicht hier weg? Warum sind die Menschen aus dem Gazastreifen so unfreundlich zu uns? Warum wollen sie uns töten oder verletzen? Warum diese Bedrohung?

Mit solchen grundsätzlichen Fragen sind wir an einer deutschen Schule schon lange nicht mehr konfrontiert worden. Nun versteht man auch den die Persönlichkeit weit stärker umfassenden Schulansatz in Israel. Kunst und Kultur, bildende Kunst und Musik nehmen dort einen wesentlich größeren Raum ein, als dies an einer deutschen Schule, egal ob Gymnasium, Realschule oder Gesamtschule, jemals der Fall gewesen ist. Das Miteinander, die Gemeinschaft der Israelis, das jüdische und israelisch Nationale wird als positiv-wertvoll und sinnstiftend erlebt und gelebt.

Beeindruckend sind die Investitionen des Regional Council (Landkreis) und der Bauverwaltung in den letzten Monaten. Alle Bauten, zum großen Teil aus den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, wurden umgebaut, ertüchtigt, mit starken Türen versehen und mit sicheren Abschirmblechen auf den Dächern ausgestattet. Der Sportpark und die öffentlichen Bereiche erhielten kleine Schutzunterstände, und dazwischen immer wieder Kunst: Skulpturen und bunte Wandgemälde, die mit viel Humor das Leben in der Schule und das Leben in der rauen Wirklichkeit vor Ort darstellen.

Wir haben diese Schule besucht, da sie in der Partnerregion des Landkreises Karlsruhe liegt – in der Absicht, die Kontakte zu den Lehrern und zu den Schülern zu intensivieren; wohl wissend, dass die Lebensumstände recht unterschiedlich sind, es leidige Handelsbeschränkungen durch die Europäische Union und einen neuen Antisemitismus, angeblich aufgrund des sogenannten Siedlungsbaues, gibt.

Die Verflechtungen zur deutschen Industrie und zu Firmen der Informationstechnik, hier ist an ein wichtiges Unternehmen des Rhein-Neckar-Kreises zu denken, sind sehr eng. Distanz oder gar Unfreundlichkeiten gegenüber Deutschen haben wir zu keiner Zeit erfahren, ganz im Gegenteil. Ähnlich wie bei uns sehen die Schulausstattung, der Physiksaal, der Chemiesaal und auch der Unterricht in den verschiedenen Sprachen oder in Geschichte aus.

Mit großer Begeisterung präsentierte Arali ein Projekt für Schüler, die den Beruf des Kraftfahrzeugmechatronikers lernen: das Projekt Fahrzeugmotor. Kleine Gruppen von 3-4 Schülern arbeiten gemeinsam beim Zerlegen, beim Montieren und beim Reparieren eines Ottomotors. Eine schöne Arbeit mit ähnlicher Zielsetzung wie das Projekt NSU-Quickly und die Restaurierung eines MGB an der Hubert-Sternberg-Schule in Wiesloch. 50 Kilometer weiter südlich, an der Heinrich-Hübsch-Schule in Karlsruhe, wurde ein ebensolches Projekt mit einem Rover P6 mit großem Erfolg durchgeführt. „Technik verbindet und überwindet Sprachgrenzen“, bringt Dr. Balzer gegenüber den Schülern die Dinge auf den Punkt.

Was das Lehrkonzept der Schule in Sha`ar Hanegev angeht, so entspricht sie einer Gesamtschule, aber gemeint ist damit eher Schule unter einem Dach, d.h. auf einem Campus befinden sich die Grundschule, die Schule für die Mittelstufe und die weiterführenden Schulen, deren Abschluss zu einem Universitätsstudium berechtigen. Die Schülerinnen und Schüler werden natürlich in Leistungsgruppen unterrichtet und nehmen gemäß ihren Neigungen und Begabungen an verschiedenen Kursen teil. Es werden auch viele Arbeitsgemein-schaften wie Krankenpflege, Gartenbau und Landwirtschaft, Technik und Fotografie oder Theater & Schauspiel sowie bildende Kunst angeboten. Die Grundlagen und Hauptfächer sind natürlich gemäß dem Lehrplan verbindlich.

Ein sehr interessanter Tag, eine sehr informative Zeit mit intensiven Erlebnissen endete dann mit der Mitteilung, dass die Rakete etwa 20 km südlich eingeschlagen ist und von Pionieren der israelischen Streitkräfte noch gesucht werde.

Dr. Rainer Balzer MdL, 08.12.2017